225 Jahre Lebenserfahrung
Zwischen die S 1 und die heimische Couch haben der liebe Gott und die EVAG eine Buslinie gestellt. Genauer: die 166 Richtung Burgaltendorf. Und was sich da abspielt, kann den S-Bahn-Erlebnissen regelmäßig Paroli bieten.
Vor ein paar Tagen zum Beispiel wurde die 166 zur großen Bühne für drei alte Frauen Seniorinnen Damen im allerbesten Alter - also für insgesamt 225 Jahre Lebenserfahrung. Zwei Damen haben es sich schon länger im zentralen Vierer bequem gemacht, die dritte steigt zu. Man kennt sich, man hat sich lange nicht getroffen, man hat eine große Themenzahl in noch größerer Lautstärke abzuarbeiten. Also los: Über Winterjacken (”Ich wollte mir eine neue kaufen - aber die haben ja nur noch diesen gesteppten Mist…”) und den Altweibersommer (”Wir waren ja heute in der Gruga… herrlich, sowas von herrlich…”) nähert sich das philosophische Terzett dem eigentlich Thema: dem “Polizeikonzert”, also dem Weihnachtskonzert des Essener Polizeichores. Nachdem der halbe Bus zunächst erfahren darf, dass die Damen
a) das Konzert seit mehr als 30 Jahren besuchen
b) es von Jahr zu Jahr schöner finden und
c) unterschiedliche Terminvorlieben haben (”Wir gehen ja nur in die Abendvorstellung, die ist ja viel stimmungsvoller!”)
kommen sie auf das eigentliche Übel: den Kartenvorverkauf. “Ich probiere schon seit Wochen, an gute Plätze zu kommen, aber die bieten mir nur Mist an”, heißt der Titel des angestimmten Klageliedes. Und die niederschmtetternde Erwiderung klingt dann so: “Das müssen Sie gar nicht versuchen. Die guten Karten werden da doch unter der Hand verkauft.”
Etwa hier muss ich die 166 verlassen und nehme eine bestürzende Erkenntnis mit aufs heimische Kanapee: Wenn schon beim Konzert der Polizei mit solchen Methoden gearbeitet wird, geht hier bald endgültig das Licht aus. Und den Preis für die beste Nebenrolle geht an die drei Damen aus dem Bus - als Essener Variante der apokalyptischen Reiter.